Sonntag, 29. Juli 2007

Woran wir gerade arbeiten II

In den letzten drei Wochen haben wir uns vorwiegend mit Benns Beziehung zu seinem Vater Gustav Benn auseinandergesetzt. Vorher war uns immer mal wieder aufgefallen, dass diese Beziehung Benn in seiner Wesenart stark geprägt hat. Gustav Benn, Pastor und selbst Sohn eines Pastors, gehörte der Blumhardt Gemeinde an, einer streng pietistischen evangelischen Gemeinde. Seine Lebensführung war so vor allem von einer sehr starken Frömmigkeit beherrscht.
Als die Mutter von Gustav Benn an Brustkrebs erkrankte, musste sie einen sehr harten Leidensweg gehen, da Benns Vater seinem Sohn nicht erlaubte, der Mutter Schmerz lindernde Medikamente zu verabreichen. Er sagte nur: Gott wird ihr helfen, nicht ein Arzt. Aus diesem Zentralkonflikt entstand ein Hass auf den Vater.
Anhand von Zitaten ist festzustellen, dass sich sein Vaterbild nach dem Tod des Vaters deutlich änderte. Näheres sei hier aber nicht ausgeführt. Wer mehr erfahren möchte, ist gerne zu unserer szenischen Lesung im Oktober eingeladen. Wir freuen uns auf Euch!!! Eure Phänotypen.

Donnerstag, 28. Juni 2007

Reisen

Und den Tiefen der Kommentare entsteigt dieses Gedicht aus dem Spätwerk von Gottfried Benn:

Reisen


Meinen Sie Zürich zum Beispiel
sei eine tiefere Stadt,
wo man Wunder und Weihen
immer als Inhalt hat?

Meinen Sie, aus Habana,
weiß und hibiskusrot,
bräche ein ewiges Manna
für Ihre Wüstennot?

Bahnhofstraßen und Rueen,
Boulevards, Lidos, Laan -
selbst auf den Fifth Avenueen
fällt Sie die Leere an -

Ach, vergeblich das Fahren!
Spät erst erfahren Sie sich:
bleiben und stille bewahren
das sich umgrenzende Ich.

DIE ZEIT: Gottfried Benn, Leben- niederer Wahn

Gottfried Benn: Leben − niederer Wahn

Leben − niederer Wahn!
Traum für Knaben und Knechte,
doch du von altem Geschlechte,
Rasse am Ende der Bahn,

was erwartest du hier?
immer noch Berauschung,
eine Stundenvertauschung
von Welt und dir?

Suchst du noch Frau und Mann?
ward dir nicht alles bereitet,
Glauben und wie es entgleitet
und die Zerstörung dann?

Form nur ist Glaube und Tat,
die erst von Händen berührten,
doch dann den Händen entführten
Statuen bergen die Saat.


Das am 24. Juli 1936 auf der Rückseite einer Ansichtspostkarte an den Freund F. W. Oelze geschickte Gedicht fasst Gottfried Benns Weltkonzept zusammen; wesentlich beeinflusst von Nietzsches Gedanken, dass Realität nur als ästhetisches Ereignis relevant ist. Für Benn ist Wirklichkeit eine Chimäre, Leben niederer Wahn  und der Glaube, des Menschen Tätigkeit könne den Lauf der Dinge beeinflussen, ein Traum für Knaben und Knechte. Entwicklung, gar Fortschritt der Geschichte hat Gottfried Benn in zahlreichen Gedichten wie Prosaarbeiten vehement als fundamentalen Irrtum abgewehrt. Nur der Einzelne, das Genie, hat Gültigkeit, Einsamkeit ist die probate Lebensform und allein der Künstler vermag es, dem sinnlosen Leben etwas abzuringen, das Bestand hat: Form nur ist Glaube und Tat.

Benns Elitebewusstsein ist zutiefst antidemokratisch; damit Ausdruck einer generellen Zivilisationsskepsis, die in der Weimarer Republik dem linken wie dem rechten Lager der Intellektuellen gemeinsam war: links Bertolt Brecht oder Johannes R. Becher oder Kurt Hiller  rechts Ernst Jünger oder Gottfried Benn. In der politischen Konsequenz führt das die einen zum Kommunismus, die anderen zum Faschismus; dessen vor allem italienische  Variante von Irratio, Heldentum und Auserwähltsein faszinierte Gottfried Benn so sehr, dass er 1932 bis 1934 sich den Nationalsozialisten annäherte. In der künstlerischen Konsequenz führte es die einen zum Lehrstück oder Belehrungsgedicht, jedenfalls zum Versuch, mit den Mitteln der Kunst Bewusstsein zu verändern. Eben diese Stundenvertauschung von Welt und dir leugnet Benn, der in einem anderen Gedicht kündet: Entwicklungsfremdheit / ist die Tiefe der Weisen.

Gottfried Benn, poetischer wie ideologischer Antipode seines Zeitgenossen Brecht des weltlichen Predigers, kennt nicht die Form des Rufgedichts; er will niemanden erreichen, nichts verändern. So höhnt er ein lebelang jegliche Teilhabe und erklärt jeglichen Lebensgenuss, ob der Dirne oder der Diva, des Millionärs beim Champagner oder des Müllfahrers beim Bier  zum Gaukelspiel von Schwächlingen; denn es gibt nur zwei Dinge: die Leere / und das gezeichnete Ich

- Aus: DIE ZEIT, 2000/42

Sonntag, 24. Juni 2007

Woran wir gerade arbeiten I

Da diese Seite informieren soll, werdet ihr heute einmal erfahren, womit wir uns gerade beschäftigen. Momentan setzen wir uns mit der Lyrik Benns auseinander, die ja sehr vielseitig ist. Ein erster Arbeitsschritt bestand in der Suche nach geeigneten Gedichten. Nun, was heißt "geeignet"? Die Gedichte sollen erst einmal für sich ganz allein stehen. Trotzdem schauen wir auch danach, dass unsere Auswahl in einem gewissen Umfang Benns lyrisches Facettenreichtum wiedergibt. Diesbezüglich liegt es uns natürlich fern, einfach die Reclam-Ausgabe mit Benns Gedichten hervorzunehmen und den nackten Finger willkürlich wandern zu lassen. Nein - wir haben uns in einer allerersten Phase mit einiger Sekundärliteratur zur Lyrik Benns auseinander gesetzt, was notwendig ist, wenn man seiner Lyrik in irgendeiner Weise gerecht werden will. In einem zweiten Schritt haben wir versucht, seine Gedichte in thematische und zeitliche Kontexte einzubetten. Mehr wollen wir aber noch nicht verraten. Diejenigen, die neugierig sind, besuchen am Besten eine unserer Aufführungen im Oktober.
Liebe Grüße,
Eure Phänotypen

Donnerstag, 31. Mai 2007

Ein Wort

(Gottfried Benn, entst. vor dem 21.12.1941)

Ein Wort, ein Satz -: aus Chiffren steigen

erkanntes Leben, jäher Sinn,
die Sonne steht, die Sphären schweigen
und alles ballt sich zu ihm hin.

Ein Wort - ein Glanz, ein Flug, ein Feuer,
ein Flammenwurf, ein Sternenstrich -
und wieder Dunkel, ungeheuer,
im leeren Raum um Welt und Ich.

Montag, 28. Mai 2007

Der Begriff des Phänotypen

In der Gedankenwelt Benns kommt dem Begriff des „Phänotypen“ in den 1940er Jahren eine zentrale Rolle zu. Will man die Bennsche Poetologie in ihrem Kern begreifen, so ist zuvor die Bennsche Auslegung des Begriffs des "Phänotypen" zu klären - mehr noch: ihr Verständnis ist eine unabdingbare Voraussetzung.

Phänotyp ist bekanntlich ein Begriff aus der Erblehre, aufgestellt von dem Dänen Johannsen. Der Phänotyp ist das Individuum einer jeweiligen Epoche, das die charakteristischen Züge dieser Epoche evident zum Ausdruck bringt, mit dieser Epoche identisch ist, das sie repräsentiert. […] Neben dem Phänotyp laufen natürlich durch alle Zeitalter die allgemein ephemeren Typen, jene, die die innere Repräsentation des Zeitalters nicht zum Ausdruck bringen.
(Aus Doppelleben, S. 162)

Benn transformiert hier einen biologischen Begriff zu einem poetologischen. Ihn interessiert weniger das Erscheinungsbild eines Individuums, sondern mehr das einer ganzen Epoche. Der Phänotyp artikuliert sozusagen das Wesen einer Epoche.

Dienstag, 22. Mai 2007

Benn und die Frauen

"Eine Frau ist ein Gegenstand"

Aus einem Brief an seinen Verleger Erich Reiss:
Liebe und Ehe! Die Ehe ist doch eine Institution zur Lähmung des Geschlechtstriebs

An seine Tochter Nele:
Männer wollen doch nicht am Gehirn von einer Frau berührt werden, sondern ganz woanders

Zum Selbstmord seiner Freundin Lili Breda 1929:

Natürlich starb sie an oder durch mich, wie man sagt


Über seine zweite Ehefrau Herta von Wedemeyer 1938:
Meine Frau ist zart, verfeinert, sehr degeneriert, immer müde, was mir sehr angenehm ist. Um 8 Uhr ist sie zum Schlafen fertig. Sie weiß nicht viel, ist "ungebildet"...

Und weiter:
Wird nie im entferntesten in meinem Leben einzugreifen versuchen, rührt an keine Bezirke in die ich sie nicht haben will.

Zu ihrem Tod 1945:
Nichts in meinem Leben hat mich so getroffen, so tief getroffen wie dieser Tod.


"Am Weib zu Grunde gehen, das ist doch schon geradezu sehr lieb!"


„Du mußt dir immer wieder sagen,
dass ich für mein Leben keine Frau brauche, das ist meine Natur, das ist für mich genauso natürlich, wie es für dich natürlich ist, dass du zu den Kindern gehst.“


- Gottfried Benn an Tilly Wedekind, 26.12.1935

Donnerstag, 17. Mai 2007

Hol mir mal ne Flasche Bier

Hol mir mal ne Flasche Bier – Genuss von Hopfen und Malz ist praktizierter Humanismus

Bonn/Zürich – Von der jetzigen Bundeskanzlerin ist bekannt, dass sie Vertraute schon mal zu Rotweinrunden einlädt. Auch ihr Vorgänger Gerhard Schröder entwickelte im Zustand der Machtvollkommenheit eine Vorliebe für Zigarren und Wein. Nur wenn er sich volkstümlich geben wollte, rief er „Hol mir mal ne Flasche Bier“. Daraus wurde dann sogar ein Lied. Wer sich in Deutschland besonders weltmännisch und feinsinnig geben will, trinkt Wein. Manche erinnern sich noch an den SPD-Politiker Björn Engholm, der Weinglas, Zigarillo oder Pfeife sehr fotogen zu präsentieren und zu kombinieren wusste. Vielleicht wird dieses Land in den vergangenen Jahren so schlecht regiert, weil ein Volk von Biertrinkern regelmäßig Politiker wählt, die eher Wein trinken. Zumindest tun alle wichtigen Damen und Herren so. Wahre Freigeister wie Gottfried Benn allerdings haben Wein und Sekt verschmäht und sich täglich ein Bierchen gegönnt.

Sonntag, 6. Mai 2007

Wir suchen noch

...literarisch interessierte Gehirne, die Lust haben, bei uns mitzumachen. Also, wenn Du viel Zeit und Interesse hast, dann melde Dich bei uns über diesen Blog!